Ich habe gerade bei im Selbstverlag oder in Kleinstverlagen erscheinenden Produkten den Eindruck, daß die Verfasser meinen ALLES, wirklich ALLES, was sie je zu einem bestimmten Rollenspiel geschrieben haben, auch in dem Grundregelwerk veröffentlichen zu müssen.
Das führt zu ermüdenden, voluminösen Sammlungen sehr viel unausgegorenen Materials, wo eventuell ein kleiner Funke drin sein könnte, der es interessant machte, würde er nicht zugedeckt von soviel unfertiger, hintereinandergeklatschter Zettelsammlung. - Mag sein, daß sich der jeweilige Entwickler darüber freut, daß er mit dieser Art der Publikation seinen Schreibtisch "aufgeräumt" hat. Aber für einen Kunden, der dieses Produkt nicht nur kaufen und ins Regal stellen will, sondern lesen und eventuell gar spielen, ist das einfach inakzeptabel.
Mir ist insbesondere beim als so simpel angeworbenen, als "Pick-up Game" geeignet angepriesenen Fate in Inkarnationen wie SotC, SBA, LoA, DFRPG aufgefallen, daß man hier Seiten-MONSTER vor den Latz geknallt bekommt. - Mag sein, daß es gut gemeint war so viel Material wie möglich reinzustopfen, aber für Rollenspiele, bei denen man allein als SL oder - dort favorisiert - als Gruppe auch noch die Spielwelt SELBST ERSCHAFFEN muß, ist der schiere Seitenumfang bei teils doch recht sparsamen Illustrationen (verglichen mit so manchen "Bilderbüchern") einfach eine Zumutung. - Als Einsteiger ist man davon einfach überwältigt und fühlt sich ob der Aussage zum "Pick-up Game" regelrecht verarscht.
Mit Fate-to-go und auch dem - immer noch wie ich finde ZU voluminösen - Fate Core gibt es jetzt ja knappere Fate-Ausgaben (die Fate Accelerated Edition dürfte wohl so in etwa den Umfang haben, den man bei einem Pick-up Game erwartet).
Was mich als alten Savage besonders wurmt: Die einst sehr schlanke, knappe, nur das Notwendigste enthaltende Savage Worlds: Explorers Edition ist einer Deluxe Edition gewichen, in welcher man einfach MEHR ZEUGS reingepackt hat. Mehr Edges, mehr Manver, mehr Powers, mehr Kreaturen. - Das war eine unnötige und einfach nur Volumenwachstum erbringende Verschlimmbesserung, finde ich.
Warum tendieren Verlage dazu sogar ihre schlanken und ob ihrer Schlankheit attraktiven Grundregelwerke aufzublähen wie verrottende gestrandete Walkadaver?
Diese Entwicklung hatte es ja auch bei deutschen Rollenspielen gegeben.
Midgard 1 (in zwei A5-Heften) war noch schlank und VOLLSTÄNDIG. Midgard 2 waren schon zwei A4 Softcover, ohne daß gefühlt mehr "Spielwert" drin gewesen wäre. Midgard 3 war ein verunglückter Versuch eine Box zu produzieren, als Boxen wirklich als unattraktiv und "aus der Mode gekommen" galten und nochmals voluminöser, und Midgard 4 kommt gleich mit einer Handvoll dicker Hardcover daher.
Da stimmt doch etwas ganz grundsätzlich nicht!
Bei DSA sieht es doch von DSA 1 bis DSA 4.1 auch nicht besser aus, sondern noch dramatischer!
Auch das deutsche Cthulhu war früher mal in einer Box erhältlich und kam als schlankes Regelheft mit ALLEM, was zum Spielen notwendig war, heraus. Hier ging der Weg zur "Layouter-Spielwiese", bei der die Optik inzwischen vom Text so sehr ablenkt, daß allein schon das Lesen den Augen Schmerzen bereitet. Und dicker, dicker, immer DICKER wurden Grundregelwerk(e) zudem auch noch!
Das kommt mir langsam wie eine Art bösartiger Wucherung, ein unkontrolliertes Seitenwachstum, ohne jegliche lebens- bzw. spielensnotwendige Funktion vor.
Umso erfrischender, wenn solche der OSR verwandten Spiele wie Spears of the Dawn selbst beim mehrmaligen Lesen NIE den Eindruck erwecken, es wäre auch nur eine Zeile oder gar eine Seite zuviel drin! - Alles, was hier im Grundregelwerk drinsteht, ist notwendig, nicht-schwafelig und für das Spiel direkt nutzbar. - SO kann man auch heute noch Rollenspiele entwickeln! Es geht also. Man muß es nur wollen!