Ich finde Poison'd macht Moral zu einem sehr zentralen und spannenden Thema im Rollenspiel.
Das liegt vor allem daran, dass jeder Charaktere mehrere Ziele besitzt, die ihn früher oder später auf Konfrontationskurs zu den anderen Spielern und der Gruppe setzen wird; aber auch weil man als Spieler seinen Charakter vor einem kniffligen Zwiespalt stellt. Entweder der Charakter tut Böses, um so mächtiger zu werden oder er erleidet Böses, um mächtiger zu werden.
Das Ganze wird noch mal interessant durch den Würfelmechanismus aufgebrochen, der den Charakter zum Teil gar nicht das tun lässt, was sein Spieler eigentlich entschieden hat. Da man gegen seine inneren Werte würfelt, bedeutet ein Fehlschlag nicht immer, dass sich der Charakter zu dumm angestellt hat um irgendwas zu erreichen; sondern oft auch, dass der Charakter es einfach nicht übers Herz gebracht hat das zu tun, was der Spieler wollte. Sei es aus Feigheit, Unvermögen oder wegen seines Gewissens.
Die Krönung des Ganzen ist für mich die Ebene der Versprechen, die sich Charakter untereinander geben und die einen bei Nichteinhaltung sehr viel Würfel kosten, je nachdem ob man schon ein Scheusal geworden ist oder noch ein Mensch. Letztere sind eher an ihr Wort gebunden, wobei erstere Versprechen zwar ohne grosse Kosten brechen können, aber direkt zur Hölle fahren, wenn sie sterben. Menschen haben zumindest noch die Chance, wenn schon nicht in den Himmel, dann zumindest in die ewige Ruhe zu gelangen. Je nachdem wie man den Charakter das Spiel beenden lassen will, kann man auch ein Interesse daran haben, sich nicht in völliger Unmoral zu ergehen.
Dieser Überbau innerhalb des Spiels und die ambivalente, semi-kooperative Spannung zwischen den Charakteren, heizt wie ich finde die moralische Dimension des Spiels und der Charaktere sehr an.